Schauspiel: Von Märchen, Mythen und Musik
Printausgabe vom 30.03.2006 der Frankfurter Neue Presse
Nieder-Eschbach. Wenn Kinder die Worte "Es war einmal..." vernehmen, denken sie häufig an böse Hexen oder verwunschene Prinzen. Doch ein verzauberter Kuhfladen oder eine kleine reisende Melodie begegnen einem in der Märchenwelt nicht gerade an jeder Ecke. Und so staunten die Fünftklässler der Otto-Hahn-Schule gestern nicht schlecht über den Walzer, der sich in einen Tango oder Marsch verwandelte. Und auch die liebliche Prinzessin, die eben noch als stinkender Mist auf der Weide lag, sorgte in der Aula für einige kräftige Lacher.
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Dargeboten wurde dieses bunte Potpourri an Märchen, Mythen und Musik von Claudia Reinhardt und Hans Lerchbacher, die zusammen das Duo "Die blaue Rose" bilden. Sie entführten ihre Zuhörer bei Kerzenschein auch in das Tierreich, wo sich eine Ratte in eine Fledermaus verwandelt oder der Zaunkönig mit dem Bären wetteifert.
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Seit zwei Jahren erfreut die "Blaue Rose" bereits das Publikum im Frankfurter Kellertheater, will mit der Kombination aus Erzählung und Klavierspiel nun verstärkt an Frankfurter Schulen auftreten. Seinen Namen hat das Duo nach einem chinesischen Volksmärchen, in dem eine eigenwillige Königstochter von ihrem zukünftigen Bräutigam eine blaue Rose fordert. Bezeichnender für die Darbietungen ist aber die von Hans Lerchbacher selbst verfasste Fabel "Wanderungen und Wandlungen einer kleinen Melodie": Hier untermalt er die Handlung mit selbst komponierten Takten, die auch den Hahnschülern zeigten, was man aus einer Ansammlung von Tönen alles machen kann: "Ein Märchen mit den Erlebnissen eines Musikstücks ist mal was anderes", fand auch Dragana (11) aus der Klasse F5c. Eine ganz neue Erfahrung, auch für ihre Klassenkameraden.
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Denn Märchen in allen Variationen sind derzeit das große Thema in den fünften Klassen der Gesamtschule. "Die Lehrpläne haben dafür eine eigene Unterrichtseinheit vorgesehen", sagte die Deutsch- und Klassenlehrerin Kerstin Schneider. Ihre Schüler näherten sich den Inhalten durch Nacherzählen und Nachspielen, erlebten "Zwerg Nase" sogar als interaktives Computerspiel. Ein Zugeständnis an eine multimediale und multinationale Gesellschaft, in der viele Kinder nicht mehr das Rotkäppchen aus Grimms Märchenbuch kennen.
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"Und trotzdem geben Märchen den Kindern Einblicke in die verschiedenen Vorstellungen und Erzähltechniken in unserer und anderen Kulturen", weiß Kerstin Schneider. Ein Blick über den Tellerrand, der häufig zu den benachbarten Gattungen von Fabel, Sage und Mythos führt. Und besonders dann interessant wird, wenn es um so grundlegende Fragen wie die Entstehung des Ackerbaus geht.
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So wie in einer indianischen Erzählung, nach der eine langhaarige Alte den Kindern am Lagerfeuer eine geheimnisvolle köstliche Speise bereitet, und sich später von einem jungen Krieger mit den Haaren über eine abgebrannte Wiese schleifen lässt. "An der gleichen Stelle wuchs das Gras höher, und bald darauf konnte man dort Früchte ernten. So bekamen die Menschen das erste Korn von der Maismutter", erzählte Claudia Reinhardt.
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Als gelernte Spiel- und Theaterpädagogin weiß sie zugleich, wie man Kinder auch nach mehr als 45 Minuten noch bei der Stange hält: Etwa, indem man sie mit trampelnden Füßen den letzten Prasselregen nachahmen lässt und sie so kurzzeitig selbst in die Rolle von Akteuren versetzt. Ein Intermezzo, das zusammen mit der Verwandlung des Kuhfladens in eine Prinzessin für Entspannung und Erheiterung sorgte. Und dann die Aufmerksamkeit noch mal für das bekannte Märchen vom klugen Bäuerlein schärfte, das mit viel List den Teufel um seinen Schatz bringt.
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Während Claudia Reinhardt sich schon viele Jahre als professionelle Märchenerzählerin betätigt, arbeitet der frühere Journalist Hans Lerchbacher hauptberuflich in der Entwicklungshilfe. Wichtig ist beiden das Engagement in der europäischen Märchengesellschaft: Denn sie sind überzeugt, dass es in dieser Gattung noch viel zu forschen und zu erkunden gibt. (got)
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