10.06.2010 Lernen mit dem KörperTänzer aus New York und Studenten der Frankfurter Hochschule proben mit SchülernBericht von Astrid Ludwig / FRAus dem Lautsprecher schallt die raue Stimme von Peter Gabriel. Seine Ballade gibt den Rhythmus vor für die Körper, die sich in wogenden Bewegungen in der Mitte der Halle drängen. Die Reihen geschlossen, doch nicht so dicht, dass nicht immer wieder ein Mensch aus dem Pulk hinausschlüpfen könnte. Wie eine pulsierende, brodelnde Masse, die ab und an ein paar Tropfen nach außen schleudert. "Suuper!" Mayuna Shimizu zieht das Wort in die Länge. Den Begriff hat die amerikanische Tanzlehrerin von ihren deutschen Schülern übernommen. "Super" bedeutet da "gut gemacht, aber noch mal von vorne". 25 Jungs und Mädchen der Otto-Hahn-Schule zappeln rum, stellen sich ohne zu murren wieder auf ihre Ausgangspositionen, üben die Schrittfolge erneut. Schließlich steht da eine waschechte New Yorker Profitänzerin in der Turnhalle vor ihnen, nicht irgendein altbekannter Lehrer.
Foto: Andreas Arnold / FR Seit vier Tagen proben Mayuna Shimizu, ihr Kollege Sean Scantlebury von der Battery Dance Company New York und die Belgierin Siri Clinkspoor von der Frankfurter Hochschule für Musik und Darstellende Kunst mit den Frankfurter Schülern für das Projekt "Dancing to connect". Es ist eine bunt zusammengewürfelte Gruppe. Jungs und Mädchen, Ältere und Jüngere von der 7. bis zur 12. Jahrgangsstufe, deutsche und Migrantenkinder. Das Thema des Tanzes haben alle Jugendlichen schon einmal erlebt: "Inclusion/Exclusion". Es geht um Dazugehören und Ausgeschlossen sein. Scantlebury feuert die Schüler auf Englisch an, verlangt mehr Körperspannung: "Denkt dran, ihr steht auf einer Bühne." Am Montag werden sich viele hundert Zuschaueraugen auf sie richten. Dann werden die Schüler ihre Choreografie im Frankfurter Titusforum aufführen. So viel Elan erlebt die stellvertretende Schulleiterin Gabriele Telgenbüscher selten. "Die Schüler proben weit über den normalen Schulbetrieb hinaus." Sogar am schulfreien Tag sind sie gekommen. Erstaunlich viele Jungs sind unter den jungen Tänzern. Der Andrang schon war groß. Lehrerin Heidi Hübner-Kühne hat die Tänzer ausgewählt. "Viele dachten, es geht um HipHop oder Streetdance." Doch "Dancing to connect" ist klassischer, zeitgenössischer Tanz. Die Angst der Jungen, sich wie eine Ballerina bewegen zu müssen, konnte Hübner-Kühne schnell zerstreuen. Jetzt sind sie alle begeistert. Mayuna Shimizu ist geübt im Umgang mit Jugendlichen. Die New Yorker Tanzlehrerin versucht, die Persönlichkeit jedes Schülers zu erkennen. "Ich möchte eine Tür für ihre Möglichkeiten öffnen." Die Schüler sollen ihre Gefühle durch ihren Körper ausdrücken. Für Viele eine ganz neue Art der Kommunikation. Bei "Dancing zu connect" geht es um neue Erfahrungen und Verbindungen. "Um Kreativität und Freiraum", sagt Professor Kurt Koegel, Leiter des Masterstudiengangs Zeitgenössische Tanzpädagogik an der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst. Der Amerikaner, der als Choreograph und Dozent arbeitet, hat das Projekt von Jonathan Hollander und dessen Battery Dance Company nach Frankfurt geholt. Hollander schickte ihm eine E-Mail, bat um Unterstützung, um das Projekt in Deutschland ausweiten zu können. Er wollte die Idee streuen, Nachahmer finden. Heute sind Koegels Studenten beteiligt und der Professor sieht in dem tanzpädagogischen Programm eine Art "Flaggschiff" der Hochschule. "Die Schüler", betont der Professor, "sollen nicht unbedingt für den Tanzberuf geworben werden". Das Projekt soll vielmehr Fähigkeiten auch auf anderen Feldern wecken. Die Jugendlichen tanzen nichts Vorgegebenes nach, sie entwickeln selbst eine Choreografie. Dabei geht es nicht nur um das Kognitive. "Wir denken nicht nur mit dem Gehirn, sondern lernen auch mit dem Körper. Vieles lässt sich über das Erleben, über Emotionen anstoßen", sagt Ulas Aktas, Dozent der Hochschule. Ganz nebenbei lernen die Jugendlichen Englisch. Die Tänzer aus New York sprechen eben nur diese Sprache. "Selbst die Jüngsten sprechen ohne Scheu", freut sich Vize-Schulleiterin Telgenbüscher. Und sie lernen Selbstbewusstsein. Laura und Myra beispielsweise: Gerade 12 und 13 Jahre alt sind sie die kleinen Stars der Gruppe. Ohne Hemmung und mit viel Fantasie bewegen sie sich ganz vorne in der ersten Reihe. "Tanzen ist anstrengend, aber macht Spaß", strahlen sie. [ document info ]Copyright © FR-online.de 2010 Dokument erstellt am 10.06.2010 um 21:20:07 Uhr Erscheinungsdatum 11.06.2010 | Ausgabe: s |