Ein Freund für Gutenberg

Schülerinnen der OHS an Rossmarktprojekt beteiligt

Von Alicia Lindhoff / Frankfurter Rundschau

Der Rossmarkt in der Frankfurter Innenstadt ist samstagvormittags ein geschäftiger Ort. Einkäufer überqueren schnellen Schrittes den Platz, Touristen schießen zwei oder drei Fotos vor dem Gutenbergdenkmal, um sofort zur nächsten Sehenswürdigkeit zu eilen. Autos brausen auf der anliegenden Straße entlang. Alles ist in Bewegung, trotzdem fühlt man sich seltsam verloren. Einsam steht das Denkmal in der Mitte des weitläufigen Platzes, auf langen Steinsitzen hat sich eine einzelne Frau niedergelassen.


Schüler auf dem Rossmarkt (Bild: FR / Boeckheler)

"Die Leute hetzen hier alle nur drüber, keiner bleibt mal stehen oder setzt sich hin", sagt Gesa. Sie besucht die 12. Klasse des Frankfurter Ziehen-Gymnasiums. Zusammen mit Céline und Marina von der Otto-Hahn-Schule steht sie mitten auf dem Platz. Die Mädchen sollen den Platz auf sich wirken zu lassen, die Atmosphäre wahrnehmen, verschiedene Perspektiven ausprobieren. Ihre Erkenntnisse sollen sie mitnehmen für ihre Arbeit als Jurymitglieder des Kunstprojektes "Rossmarkt³".

Nachdem 2009 die Umgestaltung des Areals Rathenauplatz - Goetheplatz - Rossmarkt abgeschlossen war, schien relativ schnell klar, dass speziell der Rossmarkt von den Bürgern schlecht angenommen wurde.

So kam Juliane von Herz, Kuratorin und Kunstberaterin, der Einfall, den Frankfurtern die Entscheidung selbst zu überlassen, wie einer der zentralen Plätze aufgewertet werden könne. Und zwar nicht von irgendwelchen Frankfurtern, sondern von Schülern. Die Idee ist, dem altehrwürdigen Gutenbergdenkmal ein modernes Kunstwerk zur Seite zu stellen, das im besten Fall "ein Identifikaktionspunkt der Bürger wird und zum Dialog anregt". Internationale Künstler jeder Ausrichtung reichen Vorschläge ein. Über die Vergabe des Auftrags sollen jugendliche Vertreter der Frankfurter Gymnasien entscheiden. Natürlich nicht ins Blaue hinein. Die Auftragsvergabe ist für April geplant. Bis dahin werden die Schüler in Workshops von einem Expertenteam aus Künstlern, Architekten und Pädagogen auf diese Aufgabe vorbereitet.

Der erste Workshop soll ihnen "Möglichkeiten an die Hand geben, den Platz zu betrachten". Der erste Schritt ist dabei ein Blick zurück. Björn Wissenbach, Städtebauer und Historiker, erzählt in einem Diavortrag von den Entwicklungen des Platzes, die eng verzahnt waren mit der Historie Frankfurts. Er zeigt die erste überlieferte Darstellung des Platzes im 17. Jahrhundert, gesäumt von Fachwerkhäuschen und einer kleineren Katharinenkirche.

Von der Neubebauung mit repräsentativen Gründerzeitbauten ("Frankfurt war ein Geldloch") über die Durchbrüche, die 1870 für breite neue Straßen gemacht wurden, spannt Wissenbach den Bogen der Entwicklung des Platzes über die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg und den Wiederaufbau mit typischen 60er-Jahre-Bauten bis in die heutige Zeit. Am Ende wissen die Schüler zwar noch nicht, wie der Platz in Zukunft aussehen soll, aber genau, warum er heute so aussieht, wie er es tut.

Die Gruppe von Gesa und den anderen beginnt nach der Erkundung des Rossmarkts damit, eigene Modelle des Platzes zu bauen. Johanna, Shahida und Romy etwa empfinden den Platz als engen Raum, von hohen Mauern umgeben, die sich hier und da zu schmalen Durchgängen öffnen.

Die Gruppe um den Landschaftsarchitekten Lorenz Drexler macht schon einmal Nägel mit Köpfen: Mitten auf dem Platz errichten sie aus Plane und Pappkartons eine Art Pavillon. Die Erbauer haben dabei sichtlich Spaß, Patrick macht Fotos, vom Bäcker wird eine Ladung Kaffee vorbeigebracht. Einige Passanten bleiben stehen, um das entstehende Werk zu betrachten. Und schon ist der Platz mehr als Durchgangsbereich. So einfach kann es gehen.