FAZ: Aufstieg aus der Stufe sieben

Hauptschüler werden durch "Level 24" früh auf Brufswelt vorbereitet

Von Alexander Wurst / FAZ


Leise klopft der Hauptschüler Kevin an die braune Holztür. "Berufsvorbereitung" steht auf dem Schild am Zimmer 15 im ersten Stock der Otto-Hahn-Schule. Der Siebtklässler malt sich ein Leben als Profifußballer aus. Über Träume und Trainingspläne aber will er mit den Sozialpädagoginnen Gabriele Gdanietz und Daniela Strauch heute nicht sprechen, sondern über seine siebte Hauptschulklasse. Beim nächsten Ausflug soll er sie ins Museum für Kommunikation in Frankfurt führen, aber er kennt den Weg noch nicht.

Seit 2006 arbeiten Gdanietz und Strauch an der kooperativen Gesamtschule in Nieder-Eschbach für das Projekt "Level 24", das vom Stadtschulamt Frankfurt jedes Jahr mit 106.000 Euro finanziert wird. An 41 anderen Frankfurter Gesamt- und Hauptschulen beschäftigt das Amt weitere Pädagogen. "Drei Jahre lang begleiten wir die Hauptschüler und helfen ihnen dabei, sich zu orientieren und sich auf einen Beruf vorzubereiten", sagt Strauch. Die Kinder erreichten von der siebten bis zur neunten Hauptschulklasse eine immer höhere Entwicklungsstufe, einen neuen "Level", was zusammen 24 ergebe - daher der Name.

Ihr Aufstieg hat begonnen


Kevin steht mit seinen 22 Mitschülern auf Stufe sieben. Noch. Ihr Aufstieg hat begonnen. Drei Projekttage verbrachten die Siebtklässler mit den Pädagoginnen und ihrer Klassenlehrerin Yasmin Bergemann, um ihr Gemeinschaftsgefühl zu stärken, denn sie sind aus drei verschiedenen sechsten Klassen in die siebte gekommen. Zusammen haben sie zum Beispiel ein Floß gebaut und damit die Nidda überquert. "Wir haben gelernt, als Team zu arbeiten und uns gegenseitig zu helfen. Seitdem streiten wir auch nicht mehr so oft in der Klasse", sagt Kevin. Jeden Donnerstag arbeiten sie weiter daran. Mit ihrer Lehrerin Bergemann und mit Gdanietz und Strauch verbringen sie mehrere Stunden, um gemeinsam zu spielen und Aufgaben zu lösen. Die Schüler sollen dabei Schlüsselkompetenzen wie Team- und Konfliktfähigkeit, Zuverlässigkeit und Pünktlichkeit entwickeln, wie Strauch sagt.

Bild: privat

"Die Probleme an der Hauptschule sind im Vergleich zu den anderen Schulen deshalb am größten, weil man sehr früh mit der Berufsorientierung beginnen muss", sagt die Sozialpädagogin Strauch, die schon viele Jahre an Hauptschulen und beruflichen Schulen gearbeitet hat. Übungen zu Auftritt, Wirkung und Verhalten seien sehr hilfreich, um Schüler langsam an das Arbeitsleben heranzuführen und sie dazu zu bringen, sich mit ihrer Zukunft auseinanderzusetzen. Damit sie das tun, absolvieren die Hauptschüler der Otto-Hahn-Schule im ersten Halbjahr der achten und neunten Klasse ein jeweils dreiwöchiges Betriebspraktikum. Die Plätze suchen sie oft selbst und bewerben sich mit Hilfe der Pädagoginnen um sie. Derzeit schlagen sich 61 Hauptschüler durch den Berufsdschungel, wie Strauch sagt. Im zweiten Halbjahr sind die Schüler jede Woche einen Tag lang im Unternehmen.

Vorbereitet werden sie in der Schule, an der ihnen das Büro der Sozialpädagoginnen immer offen steht. Nicht einmal 20 Meter trennen Kevins Klassenraum von dem Zimmer der beiden. "Hier ist ein Ort, an dem wir Konflikte zwischen Klassen oder innerhalb einer Klasse besprechen und dann lösen können", sagt Gdanietz. Durch die zahlreichen Gespräche lernten die Schüler, Konflikte schließlich selbständig zu lösen. Wenig könne Gdanietz noch überraschen, nachdem sie zuvor sechs Jahre lang im Jugendamt gearbeitet hat. "Aber manchmal muss man schlucken, wenn man sieht, was Kinder aushalten müssen und können."

Lehrer: Klima an der Schule ist ruhiger und entspannter


Kevin hat Strauch und Gdanietz bisher zweimal besucht, um mit ihnen Probleme zu besprechen. Seine Lehrerin spürt die Folgen von "Level 24" an ihrem Unterricht: "Vorher haben wir Lehrer alles abbekommen. Denn wenn die Schüler aus der Pause kommen und Konflikte in den Unterricht mitbringen, wird darüber in der Stunde weitergeredet." Das Klima an der Schule sei nun ruhiger und entspannter. Die ersten schulischen Erfolge zeigen sich ebenfalls: Von den 33 Schulabgängern im vergangenen Jahr, die als erste an dem Projekt teilnahmen, besuchen 18 eine Berufsfachschule. "Die Qualifikation soll nicht mit der Hauptschule enden, sondern wir wollen die Schüler fitmachen für weiterführende Schulen", sagt Bergemann.

Stefan Schmidt, Direktor der Otto-Hahn-Schule, merkt an: "Die Arbeit soll sich aber nicht an den Zahlen messen." Wichtig sei es, die Jugendlichen an den Händen zu nehmen und sie zu unterstützen. "Wir müssen nicht über problematische Schüler reden, sondern mit ihnen umgehen", fügt Schmidt hinzu. Dazu gehöre es eben, sie auf das Arbeitsleben vorzubereiten, auch wenn Bewerbungstraining letztlich nur einen kleinen Teil der Arbeit ausmache. "Das Bewerbungsschreiben ist nur die äußerlich sichtbare Spitze des Eisbergs, die aber von viel mehr getragen wird."

Dass Gdanietz und Strauch auch an anderen Fronten gebraucht werden könnten als bei der Berufsvorbereitung und Berufsorientierung, hebt der Schulleiter hervor: "Sie sehen sehr viel und kriegen viel mit, aber sie sind keine Schulsozialarbeiter, sondern für die Berufsvorbereitung der Hauptschüler zuständig." Die Gymnasiasten und Realschüler blieben damit zwar ebenso außen vor wie die fünften und sechsten Klassen, die den Übergang zu den einzelnen Schulzweigen bildeten. "Aber dafür bräuchten wir weitere Sozialpädagogen."

Raum, in dem die meisten Schülertränen fließen


Private und schulische Schwierigkeiten werden an dem runden Holztisch in dem geräumigen Büro trotzdem besprochen. Klassenlehrerin Bergemann sagt sogar, das Zimmer der Sozialpädagoginnen sei der Raum, in dem die meisten Schülertränen flössen. "Schulprobleme entstehen oft, wenn zu Hause etwas schiefläuft, so dass sich die Schüler nicht mehr auf die Schule konzentrieren können", sagt Gabriele Gdanietz. Umso wichtiger sei es, die Lebenswelt des einzelnen Schülers zu berücksichtigen, wenn er sich mit einem Beruf auseinandersetze. "Wenn zum Beispiel die Eltern mit dem Beruf nicht einverstanden sind, muss man alle Beteiligten zusammenführen, um mit ihnen zu sprechen", sagt Gdanietz. Mit den Eltern, Lehrern und Schülern stünden sie deshalb in engem Kontakt - aber nie ohne Wissen der Schüler. "Vertrauen ist das Allerwichtigste, sonst glauben die Schüler, wir wollen sie in die Pfanne hauen", sagt Strauch. Ihre Kollegin Gdanietz fügt hinzu, dass man zugleich auch immer den nötigen Abstand zu den Schülern halten müsse. Sie seien schließlich nicht die eigenen Kinder. "Professionelle Beziehungsarbeit" nennt sie das. Yasmin Bergemann ist froh darüber, unterstützt und entlastet zu werden: "Wir sind für viele Probleme, mit denen wir konfrontiert waren, nicht ausgebildet und haben uns oft auch überfordert gefühlt."

Kurz darauf klopft Kevins Mitschülerin Hülya an der Tür. Sie möchte ihm helfen und die Gruppe mitführen ins Museum. Bald beugen sich vier Köpfe über einen Frankfurter Stadtplan. Strauch und Gdanietz lassen sich von den Dreizehnjährigen den Weg erklären. Sie nicken, und Kevin und Hülya notieren sich die einzelnen Schritte, bevor sie in Bergemanns Klasse zurückkehren. Sie sagt: "Manche Schüler haben noch nie ihren Stadtteil verlassen. Das müssen wir dann hier in der Schule nachholen." (FAZ vom 18.09.2009)